Modisch getrennt

Hansjörg und Michi Klemera haben Mode im Blut. Beruflich wollen die Brüder aber nichts mehr miteinander zu tun haben - was sie trennt und was sie eint.

Michi und Hansjörg Klemera im Gespräch mit dem FF Magazin
Ausgabe No. 14 - 03. April 2025

 Hansjörg (65) und Michi Klemera (63) gründeten gemeinsam die Modemarke Luis Trenker. Seit 2003 gehen sie beruflich getrennte Wege. Heute treffen sie sich zum seltenen gemeinsamen Interview im Luis-Trenker-Store in Bozen. Hansjörg und Michi Klemera sind in Bozen Gries aufgewachsen.

Anfang der 1980er-Jahre stiegen sie in den Schuhgroßhandel ihres Vaters Erich ein, 1995 übernahmen sie die Luis-Trenker-Lizenz und entwickelten daraus eine Modefirma. 2003 stieg Hansjörg aus, heute führt er mit 16 Mitarbeitenden die Modeagenturen Fattore K und K Lab mit Showrooms in Mailand, Paris und Zürich. Michi führt Luis Trenker seither allein, mit rund 110 Mitarbeitenden und 18 Geschäften. Hansjörg ist Vater von Manuel, 45, und Mariasole, 13, Michi ist Vater von Johanna, 30, und Nina, 18, sowie Stieftochter Linda, 26.

FF: Herr Klemera, wie war Michi als Kind? 
Hansjörg: Er war der Wilde, der kleine Freche. Ein echtes Sorgenkind – immer mit irgendeiner Verletzung. Einmal hat er sich einen rostigen Nagel durch die Hand gebohrt, ein anderes Mal alle Vorderzähne ausgeschlagen. 
Michi: Ich war einfach immer auf „Gas geben“ eingestellt. Schule interessierte mich kaum, ich hab abgeschrieben und geschwindelt. Hauptsache, ich konnte mit dem Motorrad zur Schule fahren und Freunde treffen. 
 FF: Und wie war Hansjörg? 
 Michi: Der war der Lerner, der Karriere-Typ. Ich dagegen war der Nette, der von den Omas verwöhnt wurde. Hansjörg achtete auf sich selbst, ich war immer mehr der Soziale, der sich um andere kümmert.   
FF: Gemeinsam haben Sie die Marke Luis Trenker aufgebaut. Was verbindet Sie heute noch? 
Hansjörg: Unsere Herkunft, unsere Kindheit – die war großartig. Aufgewachsen in Gries, in einer riesigen Clique, mit Kirche, Jungschar, Ski, Fußball. Unsere Eltern nahmen uns jedes Wochenende nach Reischach mit – sogar die Katze Schnurri war dabei. 
Michi: Wir waren sportlich voll drin – Skiclub, Fußball, Tennis. Es war mal im Gespräch, dass wir nach Reischach ziehen, weil wir Talent als Skirennläufer hatten. Aber das kam für uns nicht infrage – wir liebten Bozen! 
FF: Heute leben Sie beruflich in verschiedenen Welten.
Hansjörg: Ich bin seit über 20 Jahren mit meinen Agenturen Fattore K und K Lab unterwegs. Wir vertreiben 27 internationale Menswear-Marken aus den USA, Japan und Großbritannien – nur Marken, die ich auch selbst trage. Damenmode war nie mein Ding. 
Michi: Und ich führe Luis Trenker weiter, mit 110 Mitarbeitenden und 18 Geschäften. Für mich ist das alpine Lebensgefühl zentral. Aber klar: Er will mein Produkt nicht, ich will seines nicht.   
FF: Auch modisch sieht man das. 
Hansjörg: Ich trage gern britische Krawatten, bunte Socken, Jeansjacke – unkonventionell eben.   
Michi: Ich bin der Einheitliche – Ton in Ton in Luis Trenker. Nur meine 30 Jahre alten Adidas-Handballschuhe brechen den Look
FF: Sie leben heute getrennt – aber was bedeutet Bozen für Sie?   
Michi: Ich lebe mit meiner Frau Christine und Tochter Nina in St. Andrä, aber Bozen ist und bleibt mein Herzensort.  
Hansjörg: Ich wohne nach wie vor in Bozen. Meine Frau stammt aus Padua, unsere Tochter geht hier in die deutsche Schule – das war mir wichtig.  
FF: Sie waren sportlich extrem aktiv. Wer ist heute fitter? 
Michi: Wir stacheln uns bis heute an. Ich fahre im Juli die Maratona, Hansjörg den Tuscany Trail im Mai. Und wir nehmen noch Skilehrer, um besser zu werden. 
Hansjörg: Ich sehe Sport heute entspannter – lieber allein Rennradfahren als im 45-km/h-Pulk. 
Michi: Wir haben kürzlich sogar einen Gaudi-Riesentorlauf zusammen gemacht.
FF: Und früher, wer war sportlich besser?   
Hansjörg: Wir waren beide in der italienischen Handballnationalmannschaft. Ich hatte mit 19 schon 75 Länderspiele – musste dafür die Matura dreimal wiederholen. 
Michi: Triest wollte Hansjörg als Profi – mit Auto, Studium, Praktikum. Aber dann wurde er mit 19 Vater und stieg aus.
FF: Sie stiegen dann beide in den väterlichen Schuhgroßhandel ein? 
Michi: Ja, 1979, nachdem ich die Schule zum dritten Mal nicht geschafft hatte. Hansjörg kam ein halbes Jahr später.  
Hansjörg: Kurz darauf erlitt unser Vater einen Herzinfarkt – wir waren mit 18 und 20 plötzlich für 14 Mitarbeitende verantwortlich. 
FF: Wie ging es dann weiter?
Hansjörg: Wir importierten Elefanten-Kinderschuhe – ein Riesenerfolg. 
Michi: Ich war der Verkäufer, Hansjörg der Stratege. Wir brachten auch Mephisto-Schuhe nach Italien – 250.000 Paar pro Jahr! 
Hansjörg: Mein Traum war aber Alden – damit kamen wir in edle Boutiquen und endlich in den Principe in Bozen.
FF: Wie kamen Sie zur Mode? 
Michi: Wir revolutionierten Walkjacken mit bunten Farben. Das lief super – aber wir vernachlässigten unser Stammgeschäft. 1989 mussten wir den Schuhgroßhandel schließen. 
Hansjörg: Unser Vater war loyal, auch wenn es sicher geschmerzt hat. 
Michi: Ich hätte mehr kämpfen sollen – auch für unsere Tante, die Mitgesellschafterin war.
FF: Waren Ihre Eltern auch so stilbewusst wie Sie?  
Michi: Unser Vater war immer top gestylt – braun gebrannt, kurze Shorts. Wurde sogar mit Luis Trenker verwechselt. Unsere Mutter war eine souveräne Bozner Dame.   
Hansjörg: Sie waren älter als andere Eltern – das machte unsere Kindheit besonders behütet. 

FF: Wie entstand Luis Trenker?  
Hansjörg: Durch einen Tipp von Gerhard Brandstätter. Wir sicherten uns 1995 die Lizenz, sahen Trenker-Filme, wussten aber nicht, was modisch daraus werden kann.   
Michi: Wir holten Meindl als Produzenten. Parallel liefen aber Mephisto und andere Modeprojekte weiter.    
Hansjörg: Ich war oft bis 22 Uhr im Büro – und warf Michi vor, zu wenig zu arbeiten.    
FF: War das der Auslöser für Ihre Trennung?   
Hansjörg: Nein. Aber mein Fokus verlagerte sich – ich wollte US- und Japan-Brands nach Europa holen. Michi blieb dem Alpinen treu.   
Michi: Als Meindl ausstieg, nutzte Hansjörg die Gelegenheit. Er stieg 2003 aus – ich übernahm.   
Hansjörg: Es war der richtige Zeitpunkt. Michi hat das toll gemacht.   
FF: Es gab auch schwierige finanzielle Zeiten?   
Michi: Ja. Ich trug ab 2003 die volle Verantwortung. 2013 übernahm ich auch seine Anteile. Seither sind wir wieder einfach Brüder.    
Hansjörg: Eine Erleichterung für beide. Heute telefonieren wir fast täglich.   
FF: Hansjörg, wie entstand Ihre Modeagentur?    
Hansjörg: Nach Alden fragten viele Brands, ob ich den Europa-Import übernehme. So gründete ich Fattore K – später K Lab für Outdoor- und Sportswear. Jetzt vertreten wir 27 Brands. 
FF: Warum nur unkonventionelle Marken?    
Hansjörg: Mein Motto ist „Out to be in“. Die Marken brauchen Charakter, Qualität – keine Massenware. Saldi sind für mich ein No-Go.   
FF: Was halten Sie heute von Luis Trenker?   
Hansjörg: Ich sage Michi seit Jahren: Geh in die USA! Aber er hat klare Vorstellungen. Und ohne ihn funktioniert die Marke nicht.    
Michi: Ein Laden in Aspen kostet Millionen. Dazu kommt: Ich spreche kaum Englisch – Hansjörg hat sich das durch Sprachkurse erarbeitet.   
FF: Thema Nachfolge?    
Hansjörg: Meine Tochter ist zu jung, mein Sohn ist Skilehrer. Ich habe ihn zum Einstieg gedrängt.   
Michi: Meine Tochter Johanna arbeitet seit acht Jahren mit. Zu ihrem 30. Geburtstag habe ich ihr Anteile übertragen. Ich möchte sie lieber als glückliche Mutter sehen und weniger als glückliche Geschäftsfrau.  
FF: Wie lange machen Sie weiter?    
Michi: Solange mich das Team nicht als „alten Sack“ sieht. Wir haben noch viel vor.    
FF: Und was schätzen Sie am anderen?    
Hansjörg: Michi beherrscht die Bühne, ich arbeite lieber im Hintergrund. Ich bin ein Workaholic – 60 Mails pro Stunde.   
Michi: Wenn er ans Telefon geht und nur „Dimmi“ sagt – da koch ich! Aber sonst: Ich liebe ihn von Herzen.

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